Soll man sich sein Geschlecht aussuchen können?

Soll man sich sein Geschlecht aussuchen können?
Können Betroffene sich die eigene Geschlechtsidentität aussuchen? (Bild Sharon Mccutcheon on Unsplash)
Neben Männern und Frauen gibt es auch Menschen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zuordnen lassen. Was sie tun können.

Die Genderdebatte, beziehungsweise die Geschlechterdiskussion, ist zunehmend in den Fokus des gesellschaftlichen Diskurses gerückt.

Was bedeutet es eigentlich, sich im "falschen" Körper zu wähnen oder gar keinem Geschlecht angehören zu wollen? Für viele Menschen greift unsere gängige Aufteilung in Männer und Frauen zu kurz. Sie fühlen sich weder "richtig" männlich noch weiblich und möchten keinem der beiden Geschlechter angehören. Oder sie fühlen sich im "falschen" Körper gefangen und möchten ihr Geschlecht wechseln. Dies kann dann sogar körperliche Geschlechtsumwandlungen in Form von Operationen nach sich ziehen.

Geschlechterrolle und Geschlechtsidentität - Sozialisation oder Anatomie?

Für viele stellt sich natürlich die Frage, ob die eigene Geschlechterrolle sozial erlernt oder eine biologische Tatsache ist. Dies lässt sich nicht so einfach beantworten. Die Antwort liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Die Bildung einer Geschlechterrolle scheint von diversen Einflüssen abzuhängen. So können sowohl hormonelle als auch soziale und kulturelle Faktoren eine Rolle spielen. Vor allem subtile gesellschaftliche Erwartungen tragen zur Ausbildung von Rollen und Verhaltensweisen bei. Die Geschlechterrolle bezieht sich also vor allem auf das Auftreten in der Gesellschaft.
Im Gegensatz dazu bezeichnet die Geschlechtsidentität die subjektive Empfindung einer Geschlechtszugehörigkeit.

Können Betroffene sich die eigene Geschlechtsidentität aussuchen?

Betroffene würden vermutlich nicht davon sprechen, sich die eigene Geschlechtsidentität aussuchen zu wollen. Vielmehr empfinden sie ihr Gefühl als eine Tatsache. So kann sich ein Mensch zum Beispiel als Frau verstehen, obwohl er anatomisch den Körper eines Mannes hat. Es würde für den Betroffenen also weniger um "Aussuchen", sondern vielmehr um eine Manifestierung der empfundenen Realität gehen. Für sie geht es keinesfalls um ein willkürliches "Wechseln", sondern um das Ausleben des eigenen Selbst.

Muss sich die Gesellschaft verändern?

Die meisten Gesellschaften basieren auch heutzutage noch auf einer Zweiteilung der Geschlechter. In vielen Kulturen auf dieser Welt wird neben "männlich" und "weiblich" nichts anderes akzeptiert. Die Frage, inwiefern eine Gesellschaft, beziehungsweise Kultur, sich ändern und toleranter werden sollte, wird daher wohl überall anders beantwortet. In vielen Staaten wird Intersexualität aber mittlerweile gesetzlich anerkannt. Ein drittes Geschlecht wird dann im Gesetz verankert. Meist wird dieses dann als "divers", "non-specific" oder "Intersex" bezeichnet.
Zu den Staaten, die diesen Schritt schon getan haben, gehören zum Beispiel (Liste unvollständig):

  • Australien
  • Neuseeland
  • Indien
  • Nepal
  • Pakistan
  • Bangladesh
  • USA
  • Kanada
  • Malta

Trotz zunehmender rechtlicher Akzeptanz, steht die gesellschaftliche Toleranz auf einem ganz anderen Blatt. Von Inter- oder Transsexualität Betroffene werden auch weiterhin oft stigmatisiert und ausgegrenzt.

Fazit

Die Frage, ob man sich sein Geschlecht aussuchen können soll, ist eigentlich missverständlich, beziehungsweise ungünstig, formuliert. Denn inter- oder transsexuelle Menschen möchten sich ihr Geschlecht nicht "aussuchen". Sie fühlen sich einfach einem anderen zugehörig. Dies sollte in die Diskussion miteinbezogen werden. Immer mehr Staaten erkennen es mittlerweile als Recht eines jeden an, das eigene Geschlecht nicht mehr in die Kategorien "männlich" und "weiblich" einfügen zu müssen und definieren eine dritte Option.

Fragen zu Geschlechtsidentität und Geschlechtsrolle

Was ist Geschlechtsidentität?

Als Geschlechtsidentität wird die subjektiv gefühlte Zugehörigkeit zu einem Geschlecht bezeichnet. Dies kann auch die bewusste Ablehnung einer Zugehörigkeit beinhalten.

Wie äussert sich die Unsicherheit über die eigene Geschlechtsidentität?

Diese kann sich durch eine Vielzahl an Symptomen bemerkbar machen, oft schon im Kindesalter. Hierzu gehören zum Beispiel:

  • das Tragen von Kleidung, die für das andere Geschlecht typisch ist
  • das Erlernen von Verhalten oder Aktivitäten, die für das andere Geschlecht typisch sind
  • eine negative Beziehung zu den eigenen Geschlechtsteilen

Eine eindeutige Diagnose kann nur ein Arzt stellen.

Was bedeuten die Genderidentitäten trans, cis und inter?

Cis*-Gender -> bezeichnet Menschen, deren bei der Geburt festgestelltes Geschlecht mit ihrer eigenen Wahrnehmung übereinstimmt. Der Begriff wurde von der Genderbewegung eingeführt.

Inter*sexualität -> Beschreibt ein medizinisches Phänomen. Hier können die Genitalien, Chromosomen und hormonellen Eigenschaften nicht eindeutig als männlich oder weiblich identifiziert werden.

Trans*-Gender -> bezeichnet alle Menschen, deren subjektiv empfundenes Geschlecht nicht mit dem übereinstimmt, welches bei der Geburt festgestellt wurde.

Was bedeutet "genderfluid"?

Als genderfluid werden Menschen bezeichnet, die ein "flüssiges" Geschlecht haben. Dieses kann sich, je nach Situation, ändern. So kann eine betroffene Person sich zum Beispiel manchmal als transsexuell und ein anderes Mal als eindeutig männlich oder weiblich verstehen.