Gehirngesundheit: Tanzen Sie viel!

Gehirngesundheit: Tanzen Sie viel!
Wann haben Sie das letzte mal getanzt? (Bild iStock)
«Falls Sie sich im neuen Jahr etwas vornehmen möchten, dann empfehle ich Tanzen», schreibt Neuropsychologin Barbara Studer.

Vielleicht denken Sie jetzt, dass es ja nicht grad Tanz sein muss, Hauptsache man bewegt sich regelmässig. Und ja, wie in der letzten Kolumne thematisiert, wissen wir, dass regelmässige körperliche Aktivität aller Art für unsere Gesundheit, sowohl die körperliche aber eben speziell auch die mentale, essenziell ist. Um unseren Bewegungsapparat sowie unser Denkorgan aktiv und fit zu halten, sollten wir uns täglich mindestens 20 Minuten moderat oder zehn Minuten intensiv bewegen. Diese regelmässige körperliche Aktivität schüttet Neurotransmitter und Wachstumsfaktoren aus, welche die neuronale Plastizität stimulieren, was dem Schutz des Gehirns vor dem altersbedingten Abbau entgegenwirkt. Spannend ist nun aber, dass sich verschiedene Arten von körperlicher Aktivität unterschiedlich auf unseren Körper und unser Gehirn auswirken.

Auf der einen Seite haben wir das Ausdauertraining, das mit seinen automatisierten und hochfrequenten Bewegungen speziell für die kardiovaskuläre Gesundheit (d.h. Herzgesundheit) und die Ausdauer gewinnbringend ist. So zeigen Studien, dass z.B. regelmässiges Walken, Velofahren, Joggen oder Aerobic das Gehirn vor altersbedingten Abbau schützen kann, indem es eine Vielzahl kognitiver Ressourcen, wie die Verarbeitungsgeschwindigkeit oder die exekutiven Funktionen, besser und effektiver nutzen kann.

Auf der anderen Seite haben wir das Koordinationstraining. Dieses ist ausgelegt auf grob- und feinmotorische Prozesse und soll damit die Balance und Handaugenkoordination fördern. Da durch das Koordinationstraining vor allem die Kommunikation zwischen beiden Hirnhälften gefördert wird, zeigt regelmässiges Training vor allem eine verbesserte Informationsverarbeitung und damit eine bessere Leistung in komplexen mentalen Aufgaben, welche visuelle und räumliche Verarbeitung bedürfen.

Wo in diesen zwei Kategorien der Trainingsansätze befindet sich nun das Tanzen? Genau in der Schnittmenge! Tanzen kombiniert Ausdauer und Koordination, was die speziell fördernde Wirkung von Tanzen auf die Gehirngesundheit erklärt. Hinzu kommen Elemente, welche die mentale Aktivierung stimulieren und das Wohlergehen stärken, wie positive Emotionen, Musik, Rhythmus, Kreativität und sensorische Stimulation. Nicht zuletzt ist Tanzen meistens auch verbunden mit sozialer Interaktion und körperlicher Berührung, Lachen und Ausgelassenheit, was essenziell für die Befindlichkeit und Balance ist. Es erstaunt somit nicht, dass neuste Studien zeigen, dass sich Tanzen positiv auf fast das ganze Gehirn und dessen Vernetzung auswirkt und das kognitive Denkvermögen erhöht – und das in jedem Alter!

Damit verbunden ist die Erkenntnis, dass Tanzen und die damit verbundenen Stimulierung des Geistes Demenz-Krankheiten bedeutsam vorbeugen kann. Dies zeigt eine grosse Studie aus dem Albert Einstein College of Medicine in New York auf besonders eindrückliche Weise: In dieser Langzeitstudie mit 75jährigen oder älteren Personen wurden die Auswirkungen von kognitiven (z.B. Lesen, Kreuzworträtsel lösen) und körperlichen (z.B. Wandern, Hausarbeit, Tanzen) Freizeitaktivitäten auf die kognitive Fitness und die Demenz-Rate gemessen. Überraschenderweise fanden sie, dass regelmässiges Tanzen das Demenzrisiko um bis zu 76 Prozent zu reduzieren schien. Damit war Tanzen unter allen untersuchten körperlichen und kognitiven Tätigkeiten diejenige Aktivität mit dem stärksten Einfluss auf das Demenzrisiko. Als Vergleich dazu reduzierte beispielsweise Lesen das Demenzrisiko um 35 Prozent und Golf spielen um 0 Prozent. Andere Studien ergänzen diese eindrücklichen Daten mit der Beobachtung, dass der Nutzen umso grösser ist, je öfter wir tanzen und je früher wir mit dem Tanzen beginnen.

Grund genug also, dass wir uns für dieses Jahr den Vorsatz nehmen könnten, das Tanzbein mehr zu schwingen. Falls der Tanzkurs oder andere Anlässe Corona-bedingt gestrichen sind, stellen Sie zuhause die Musik an, schnappen sich Ihre Partnerin oder Ihren Partner oder laden Bekannte ein, um gemeinsam zu tanzen. Anfängerinnen und Anfänger finden zum Beispiel im Internet unzählige Anleitungen und Hilfestellungen. Oder laden Sie jemanden ein, der Ihnen einen Tanzschritt beibringen kann. Falls Sie zu den routinierten Tanzenden gehören, dann probieren Sie doch mal einen neuen Stil oder neue Tanzschritte aus, oder wechseln Sie mal die Rolle mit Ihrem Tanzpartner. Denn je höher die kognitive Aktivierung beim Tanzen und je geringer die Routine und automatisierten Bewegungen und Abläufe, desto mehr profitiert das Gehirn davon. Dabei soll nicht der Anspruch auf ästhetische Perfektion, sondern die Freude im Vordergrund sein.

Tanzen Sie regelmässig und probieren Sie Neues aus - für mehr mentale Gesundheit und Fitness, aber vor allem auch für mehr Freude und Ausgelassenheit im Alltag. Beginnen Sie am besten noch heute damit!

Dr. Barbara Studer ist Neuropsychologin, Dozentin an der Universität Bern und Geschäftsführerin der hirncoach GmbH.

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